Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage e.V.

 

 

 

 

 

 

              Biologische Stechmückenbekämpfung am Oberrhein

 
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Aktualisiert: 22.04.2016   

Geschichte der Stechmückenbekämpfung und der KABS e.V.


Seit Jahrhunderten hatten die Menschen im Rheingraben unter der Schnakenplage zu leiden. Doch erst seit etwa 100 Jahren war das Wissen über die Biologie der Stechmücken so weit gediehen, dass man über Gegenmaßnahmen nachdenken konnte.

 

1910 führten diese Überlegungen dann, dazu, eine „Vereinigung zur Bekämpfung der Stechmücken- und Schnakenplage“ zu gründen. Von den dreißiger Jahren an sind Schriftstücke über die Arbeit dieser Vereinigung vorhanden. Sie weisen auf beträchtliche Aktivitäten bei der Schnakenbekämpfung hin.

Ihnen ist auch zu entnehmen, dass die Vereinigung im Jahre 1936 die Satzung geändert hatte und von da an die Bezeichnung "Vereinigung zur Bekämpfung der Stechmückenplage", mit Sitz in Mannheim, führte.

 

 

Bericht 1910

 

 

Schon vierzig Jahre vor der Gründung der jetzt bestehenden Aktionsgemeinschaft (KABS e.V.) wurde laut Satzung der damaligen Vereinigung die Eindämmung der Schnakenplage im Interesse der Gesundheit der Menschen und im Interesse der Wirtschaft für notwendig gehalten. Sogar die finanzielle Beteiligung der Regierung an dieser Aufgabe hielt man damals für angebracht, jedoch wurde dieses Ziel nicht erreicht.

 

Die Bekämpfungsmaßnahmen waren damals in eine Winter- und eine Sommerbekämpfung untergliedert.

Bei der Winterbekämpfung wurden die Kellerräume und –wände ausgeräuchert bzw. mit einem Insektizid (Floria-Insektizid) besprüht. Die Sommerbekämpfung wurde mit dem damals verwendeten „Schnakensaprol“ (einem Erdöldestillat) durchgeführt. Sie war allerdings nicht sehr erfolgreich. In den Folgejahren wurde z.T. auch über Polizeiverordnungen eine Stechmückenbekämpfung im häuslichen Umfeld angeordnet.

 



Nach den Wirren des Zweiten Weltkrieges gab es allerdings keine Maßnahmen oder Organisationen mehr, die die Bekämpfung der Plageerreger zum Ziel hatten.

Erst nach der verheerenden Schnakenplage im Jahre 1975 wurde der Ruf nach einer effektiven Bekämpfung immer lauter.

 

Noch vor der Gründung der KABS, kam in einigen der späteren Mitgliedsgemeinden, wie Philippsburg, Lingenfeld und Römerberg, ein Carbamat unter der Bezeichnung „Fenethcarb“ zum Einsatz. Dieses wurde testweise von der BASF produziert. Mit der Ausbringung von Fenethcarb im Heißnebelverfahren mit Hilfe von Pulsfog-Geräten wollte man die Stechmücken im Auenwald abtöten.In den Abendstunden sind Mannschaften der Feuerwehren in die Auenwälder ausgerückt und haben das Insektizid ausgebracht, nach-dem man zuvor 5-10 m breite Schneisen in den Auenwald geschlagen hatte, damit sich die Fahrzeuge im Bereich der Brutstätten bewegen konnten. Ziel war es die dort massenhaft frisch geschlüpften „Rheinschnaken“ abzutöten.

 

Diese im höchsten Maße umweltschädliche Vorgehensweise hat die Ökologen des Zoologischen Instituts der Universität Heidelberg unter Leitung von Professor Dr. Herbert Ludwig und Dr. Wolfgang Schnetter sowie deren Doktoranden auf den Plan gerufen. Diese Wissenschaftler haben sehr wohl die Notwendigkeit der Stechmückenbekämpfung zum Wohle der Menschen im Oberrheingebiet erkannt. Man wollte jedoch keinesfalls, dass ein unselektiv wirkendes Insektizid im sehr sensiblen Ökosystem „Rheinauen“ ausgebracht wird. Man hat daher die „Arbeitsgruppe Rheinschnakenbekämpfung“ gegründet, um mit wissenschaftlichen Argumenten gegen die Insektizid-Ausbringung vorzugehen. Zu den Mitgliedern der Arbeitsgruppe gehörte übrigens auch der spätere Direktor der KABS, Dr Norbert Becker.

Zum Nachweis der Unselektivität von Fenethcarb hat man Leimfallen in den behandelten Ge-bieten ausgelegt. Die abgetöteten Insekten blieben auf den Leimfallen kleben und man konnte so nachweisen, dass neben den Stechmücken auch alle anderen Insektenarten der Rheinauen abgetötet wurden. Der Einsatz des chemischen Insektizids hat somit nicht nur ein unakzeptab-les Loch in das Nahrungsnetz geschlagen, sondern hätte auch langfristig die Biodiversität in den Rheinauen maßgeblich reduziert.

 

Im gleichen Jahr brachte der damalige Landrat des Kreises Ludwigshafen, Dr. Paul Schädler, mehrere Bürgermeister des Rhein-Neckar-Raums zusammen, um die Möglichkeit einer organisierten Stechmückenbekämpfung zu erörtern. Aus diesem Gespräch resultierte letztlich die Gründung der Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage e. V. am 11. März 1976 in Philippsburg mit 20 Körperschaften als Gründungsmitglieder.

 

Wichtigste Punkte der Vereinssatzung waren:

  • ökologischen Belangen bei der Güterabwägung mit den Interessen der Bevölkerung einen hohen Stellenwert einzuräumen;
  • keine Festlegung auf eine bestimmte Bekämpfungsart zu treffen, sondern diese nach dem jeweiligen Stand der Wissenschaft und der nach praktischer Erfahrung besten Methoden anzupassen, sowie
  • Überlegungen zu natürlichen Bekämpfungsformen zu treffen.

 

 

Im darauf folgenden Sommer 1976 kam es zu einem Treffen zwischen Dr. Schädler und den Zoologen der Universität Heidelberg in der Kreisverwaltung in Ludwigshafen. Ziel dabei war es nach einer umweltverträglichen Lösung zur Stechmückenbekämpfung zu suchen. Bei diesem Treffen wurde vereinbart, dass die Einsätze mit Fenethcarb ausgesetzt werden. Die Wissenschaftler wurden im Gegenzug darum gebeten, Alternativen für die Bekämpfung auf-zuzeigen.

Im Einvernehmen mit der KABS-Führung war eine wichtige bahnbrechende Entscheidung der Arbeitsgruppe „Rheinschnakenbekämpfung“, dass man in Zukunft nicht die Fluginsekten, sondern die wasserlebenden Entwicklungsstadien der Stechmücken bekämpfen wolle. Während sich die Larven in den Brutgewässern konzentrieren, verteilen sich die Fluginsekten aufgrund ihres Wandertriebs großflächig (mindestens 100-mal größer als das eigentliche Brutgebiet). Daher ist eine Bekämpfung der Fluginsekten mit herkömmlichen Insektiziden in der Regel sowohl aufwendiger als auch uneffektiver, als die Bekämpfung der Larven.

 

Nach der Aufgabe der Fenethcarb-Anwendung hat man am Zoologischen Institut der Univer-sität Heidelberg zunächst die Lipidfilmmethode als Interimsmethode entwickelt. Dabei wurde auf die Wasseroberfläche der Brutgewässer eine Mischung aus Lezithin und Paraffin (bezeichnet als „Liparol“) ausgebracht. Der Liparolfilm breitet sich selbstständig an der Wasseroberfläche aus und unterbindet das Atmen der Stechmückenpuppen an der Wasseroberfläche. Die Puppen sterben innerhalb weniger Stunden. Bereits eine Menge von 4-6 Liter Liparol haben die Puppen auf einem Hektar Wasserfläche zum Ersticken gebracht.
Man konnte auf diese Weise allerdings nur die Puppenstadium der Stechmücken bekämpfen, das etwa für zwei Tage nach der Häutung der Viertlarve existiert, da nur die Puppen atmosphärischen Sauerstoff an der Wasseroberfläche aufnehmen müssen. Die Larven können neben der Atmung an der Was-seroberfläche auch Hautatmung betreiben und den physikalisch gelösten Sauerstoff aus dem Wasser aufnehmen, was sie gegen Liparol weitgehend unempfindlich macht. Man hatte somit nur wenige Tage Zeit, die nach einem Hochwasser auftretenden Puppen zu bekämpfen. Dies stellte die Bekämpfer vor eine große Herausforderung. Darüber hinaus hat der Liparolfilm auch andere Organismen geschädigt, die an der Wasseroberfläche atmen oder sich dort bewegen, wie Wasserkäfer oder Wasserwanzen. Liparol wurde daher nur kurz in der KABS-Geschichte eingesetzt, da man intensiv weiter nach umweltverträglicheren Mitteln gesucht hat.

Mit der Entdeckung des Bacillus thuringiensis israelensis (B.t.i.) im Jahr 1976 durch Dr. Yoel Margalit gelangte man an ein neues, mächtiges Werkzeug zur Stechmückenbekämpfung, welches an der Universität Heidelberg seit 1978 in zahlreichen Labor- und Feldversuchen für den Großeinsatz am Oberrhein untersucht und vorbereitet wurde. Heute wird die Bekämpfung ausschließlich mit Produkten durchgeführt, die auf dem umweltfreundlichen und hoch spezifisch wirkenden B.t.i. basieren.

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
















 
 

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