Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage e.V.

 

 

 

 

 

 

              Biologische Stechmückenbekämpfung am Oberrhein

 
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Aktualisiert: 11.09.2016   

Arnold, Andreas (1999): Zeit-Raumnutzungsverhalten und Nahrungsökologie rheinauenbewohnender Fledermausarten (Mammalia: Chiroptera)

Dissertation


Vor dem Hintergrund der biologischen Stechmückenbekämpfung in den Auwäldern des Oberrheingebietes und der damit verbundenen saisonalen Reduktion der Insektenbiomasse hatte die Untersuchung zum Ziel, nach einer Erhebung des Spektrums der in den nordbadischen Rheinauen vorkommenden Fledermausarten der Frage nachzugehen, inwiefern sich die Stechmückenbekämpfung negativ auf die Nahrungszusammensetzung der in den Rheinauen jagenden Fledermausarten auswirken könnte.


Dazu wurden einerseits telemetrische Untersuchungen an fünf auwaldspezifischen Fledermausarten durchgeführt, um dadurch Informationen zum zeitlichen sowie räumlichen Überlappen der Aktionsbereiche von Fledermäusen und Stechmückenimagines zu gewinnen. Andererseits wurden anhand von Kotproben, die vornehmlich an den Quartieren und Hangplätzen von drei Fledermausarten (Wasserund Rauhautfledermaus, sowie Kleiner Abendsegler) gesammelt wurden, Nahrungsanalysen zur Ermittlung des Beutespektrums durchgeführt, um das Auftreten von Stechmücken in der Nahrung der jeweiligen Fledermausart zu dokumentieren. Ergänzt wurden diese beiden Kern-Untersuchungsteile von Erhebungen zu Vorkommen, Phänologie, Reproduktion und Verhalten aller im Untersuchungsgebiet nachgewiesener Fledermausarten.

Das Untersuchungsgebiet, welches zunächst nur die Rheinauenwälder zwischen Mannheim im Norden und Karlsruhe im Süden umfasste, musste aufgrund der Ergebnisse der Telemetrie auf die weiter östlich gelegenen Binnendünenwälder der badischen Hardt ausgeweitet werden.

 

Zur Erfassung der Fledermausfauna des Untersuchungsgebiets wurden Kontrollen von Vogel- und Fledermauskästen durchgeführt. Stellnetzfänge und Verhöre mit dem Fledermausdetektor (Ultraschallwandler) wurden als weitere Erfassungsmethoden eingesetzt. In den Rheinauewäldern konnten auf diese Weise elf, in den Hardtwäldern acht Fledermausarten nachgewiesen werden.


Bei der allgemeinen faunistischen Untersuchung wurde besonderes Augenmerk auf die Phänologie der wandernden Arten Großer Abendsegler und Rauhautfledermaus gelegt. Mit Hilfe von Markierungen (Fledermausringen), die im Rahmen der F+EVorhabens „Untersuchungen und Empfehlungen zur Erhaltung der Fledermäuse in Wäldern“ des Bundesamtes für Naturschutz angebracht wurden, konnte erstmals das Vorkommen der Rauhautfledermaus in den Rheinauen für den gesamten Jahreszyklus nachgewiesen werden. Sowohl für den Großen Abendsegler als auch für die Rauhautfledermaus stellen die nordbadischen Rheinauen ein wichtiges Durchzugs- und Paarungsgebiet dar. Die Überwinterung des Großen Abendsegler konnte darüber hinaus regelmäßig in den Kästen des Untersuchungsgebiets beobachtet werden.
Reproduktions-Erstnachweise wurden im Rahmen dieser Untersuchung für die Wasserfledermaus (in Nordbaden) und den Kleinen Abendsegler (in Baden- Württemberg) erbracht.

 

Telemetrisch untersucht wurden die Wasser-, die Rauhautfledermaus, der Kleine Abendsegler und das Braune und Graue Langohr. Dadurch konnten nicht nur Abschätzungen zur Überschneidung der Aktionsräume von Fledermäusen und Stechmückenimagines getroffen werden, sondern die Untersuchung lieferte auch Daten zu Größe und Struktur der Jagdgebiete, zur zeitlichen Aufteilung der nächtlichen Aktivitätsschemata und zur räumlichen Entfernung zwischen den Jagdgebieten einerseits und den Quartiergebieten andererseits.


Dabei konnte gezeigt werden, dass selbst kleine Arten, wie Wasser- oder Rauhautfledermaus, in der Lage sind, sehr weite Strecken zwischen Quartieren und präferierten Jagdgebieten zurückzulegen. Die weite räumliche Trennung zwischen Jagdgebieten am Rhein und Quartieren in den bis zu 8 km entfernten Hardtwaldgebieten scheint dabei insbesondere für die Wasserfledermaus geradezu typisch zu sein.

 

Hohe Affinitäten zu den Rheinauen als Jagdgebiet zeigten die Wasser- und die Rauhautfledermaus. Der Kleine Abendsegler vermochte aufgrund seines großen Aktivitätsradius (über 9 km) eine Vielzahl von Jagdhabitaten aufzusuchen. Der Aktionsradius des Braunen Langohrs war dagegen sehr gering (rund 2 km) so dass die wenigen in den Rheinauegebieten nachgewiesen Individuen dieser Art mit großer Sicherheit exklusiv dort jagten. Dabei können die Rheinauengebiete jedoch nicht zum typischen Lebensraum dieser Art gezählt werden. Das Braune Langohr ist vielmehr für die Bruch- und Hardtwälder der Rheinebene charakteristisch. Das Graue Langohr schließlich zeigte als anthropophile Fledermausart auch bei der Wahl seiner Jagdgebiete eine deutliche Bevorzugung der menschlichen Umgebung, jagte aber darüber hinaus auch in siedlungsfernen Auwaldgebieten.

 

Die Zusammensetzung der Nahrung wurde von der Wasserfledermaus, der Rauhautfledermaus und dem Kleinen Abendsegler studiert. Dabei konnte für alle drei Arten der saisonale Verlauf der Nahrungszusammensetzung dargestellt werden, der insbesondere bei der Wasserfledermaus zwischen Frühjahrs- und Sommerproben zwei deutlich unterschiedliche Aspekte aufwies, und Hinweise auf eine jahreszeitliche Änderung der Jagdstrategie gab.
Als wichtigste Gruppen von Nahrungsorganismen konnten bei allen untersuchten Fledermausarten die Zuckmücken (Chironomidae) und Köcherfliegen (Trichoptera) diagnostiziert werden, die sich im Jahresverlauf stets in sehr großer Zahl im Rhein, seinen Seitengewässern und den Stillgewässern der Oberrheinebene entwickeln und den Fledermäusen stets in großer Zahl als Nahrung zuverlässig zur Verfügung stehen.

 

Aufgrund der Nahrungszusammensetzung konnte für die Jagdstrategie aller untersuchter Arten Hinweise auf eine stark generalisierende Nahrungswahl gefunden werden. Alle untersuchten Fledermausarten waren in der Lage, sich bietende Nahrungsquellen spontan und opportunistisch zu nutzen. Eine generelle Spezialisierung auf eine Gruppe von Nahrungsorganismen, wie z.B. die Stechmücken, konnte nicht festgestellt werden.
Obwohl es in den Rheinauewäldern des Untersuchungsgebietes in allen Untersuchungssommern zu einer erheblichen Stechmückenentwicklung gekommen ist, konnte diese Insektengruppe nur in sehr wenigen Einzelfällen in der Nahrung der Fledermäuse nachgewiesen werden. Dies lässt sich wohl in erster Linie auf die unterschiedlichen Aktionsräume der beiden Organismengruppen zurückführen. Obwohl die Stechmücken temporär in großer Zahl in den Auwäldern auftreten, entziehen sie sich den im höheren Luftraum jagenden Fledermäusen weitgehend indem sie sich nahe an oder in der Vegetation (Kraut- und Strauchschicht) aufhalten.

 

Anmerkung: zum Zeitpunkt der Untersuchung gab es erste Hinweise darauf, dass sich unter dem Artbegriff „Zwergfledermaus“ zwei kryptische Arten verbargen. Der Autor weist in seiner Arbeit bereits darauf hin, dass es sich nach seinen morphometrischen Befunden bei den von ihm erfassten „Zwergfledermäusen“ mit hoher Wahrscheinlichkeit um den „hoch rufenden“ Typ handelt, der später als eigenständige Fledermausart (Mückenfledermaus (Pipistrellus pygmaeus)) beschrieben wurde. Mittlerweile wurde der ursprüngliche Verdacht als Tatsache bestätigt. Mittlerweile (2015) hat sich im ehemaligen badischen Untersuchungsgebiet und den gegenüberliegenden Rheinauen in Rheinland-Pfalz (NSG Hördter Altrhein) eine starke bodenständige und reproduzierende Population dieser Fledermausart etabliert.Fledermäuse gelten als Tiergruppe, die durch eine B.t.i.-Anwendung und der damit verbundenen Reduktion der Nahrung vermeintlich betroffen sein kann. Die oben geschilderte und mit Zahlen belegbare Beobachtung zeigt jedoch, dass es trotz der Stechmückenbekämpfung nicht zu einer Beeinträchtigung der lokalen Fledermauspopulationen kommt, sonder sich Arten mit einst in dieser Region geringen Vorkommen stark vermehren und sogar dauerhaft etablieren konnten.

 

Die beobachteten breiten interspezifischen Überlappungen bei der Einnischung der untersuchten Fledermausarten bezüglich der Ressource „Nahrung“ ist vermutlich auf das (Über-)Angebot an Nahrung in den Rheinauen zurückzuführen, wodurch der Lebensraum „Rheinaue“ in dieser Beziehung als optimal für Fledermäuse eingestuft werden kann. Als begrenzender Faktor scheint hier das Quartierangebot zu wirken, was z.B. als mögliche Ursache für das Ausweichen der Wasserfledermaus in weiter entfernte Waldgebiete angeführt werden kann.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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