Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage e.V.

 

 

 

 

 

 

              Biologische Stechmückenbekämpfung am Oberrhein

 
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Aktualisiert: 22.01.2016   

Fledermäuse und biologische Stechmückenbekämpfung

 

Fledermäuse der Oberrheinauen

 

Einige der etwa 50 in Europa vorkommenden Fledermausarten sind in nahezu allen Habitattypen anzutreffen und somit auch in den Auengebieten des Oberrheins. Aufgrund des generellen Insektenreichtums in Feuchtgebieten stellen die Oberrheinauen einen wertvollen Lebensraum für Fledermäuse dar. Nichtsdestotrotz ist das dort zu findende Fledermausartenspektrum relativ begrenzt. So treten z.B. im Bundesland Baden-Württemberg in den Oberrheinauen folgende Fledermausarten am häufigsten auf:

  • Großer Abendsegler (Nyctalus noctula)
  • Wasserfledermaus (Myotis daubentonii)
  • Kleinabendsegler (Nyctalus leisleri)
  • Rauhautfledermaus (Pipistrellus nathusii)
  • Mückenfledermaus (Pipistrellus pygmaeus)
  • Zwergfledermaus (Pipistrellus pipistrellus)
  • Wasserfledermaus (Myotis daubentonii)
  • Kleinabendsegler (Nyctalus leisleri)
  • Braunes Langohr (Plecotus auritus

Daneben wurden, jedoch in deutlich geringerer Zahl, noch folgende Fledermausarten nachgewiesen:

  • Brandtfledermaus (Myotis brandtii)
  • Bartfledermaus (Myotis mystacinus)
  • Bechsteinfledermaus (Myotis bechsteinii)
  • Fransenfledermaus (Myotis nattereri)
  • Großes Mausohr (Myotis myotis)
  • Graues Langohr (Plecotus austriacus)
  • Breitflügelfledermaus (Eptesicus serotinus)
  • Zweifarbfledermaus (Vespertilio murinus)

 

 

Fledermäuse und biologische Stechmückenbekämpfung

 

Von der biologischen Stechmückenbekämpfung könnten grundsätzlich drei Faktoren einen Einfluss auf die lokalen Fledermauspopulationen ausüben:

  1. direkte Toxizität des Wirkstoffs B.t.i.
  2. Störungen durch das Applikationsgeschehen
  3. Auswirkungen auf das Nahrungsangebot

Da von B.t.i. in den verwendeten Dosierungen keinerlei Auswirkungen auf Säugetiere ausgeht und die Fledermäuse in ihren Tagesverstecken vor jeglichen Störungen durch die Applikation abgeschirmt sind, bleiben nur die möglichen Auswirkungen auf das Nahrungsangebot der Fledermäuse als zu bedenkender Risikofaktor bestehen.

 

 

 

Nahrungsspektrum der Fledermäuse

 

So groß die Zahl der Fledermausarten ist, so verschieden ist die Nahrungsökologie dieser Tiergruppe. Neben ausgesprochenen Nahrungsspezialisten, wie dem Großen Mausohr oder der Mopsfledermaus, sind viele Generalisten zu finden, deren Ernährung auf einem breiten Spektrum an Nahrungsorganismen beruht. Ausschlaggebend ist dabei vor allem die Größe der Beutetiere in Relation zur Körpergröße der Fledermaus sowie die Verfügbarkeit der Beute (generalistische bzw. opportunistische Jagdweise). Im Folgenden soll die Nahrungsökologie einiger der zuvor erwähnten in den Auengebieten häufig vorkommenden Fledermausarten genauer betrachtet werden.

 

Braunes Langohr

Von den häufigsten in den Auengebieten vorkommenden Fledermausarten ist bezüglich der Nahrungsökologie nur das Braune Langohr als Spezialist zu bezeichnen, welcher gezielt bestimmte Insektengruppen bejagt. Diese Fledermausart bevorzugt als Beute vor allem größere Nachtschmetterlinge, die sie im Flug erbeutet und oft an wiederholt aufgesuchten Hangplätzen verzehrt. Für Nachschmetterlinge, sowie für alle anderen Vertreter der Insektenordnung der Schmetterlinge (Lepidoptera) ist der bei der biologischen Stechmückenbekämpfung eingesetzte Wirkstoff Bti (Bacillus thuringiensis israelensis) völlig harmlos.

 

Wasserfledermaus

Die Wasserfledermaus ist dagegen ein Spezialist hinsichtlich des Jagd-Biotops: sie bevorzugt die Jagd über weiten offenen Gewässern. In den Rheinauen jagt sie in flachem Flug über die Oberfläche von Baggerseen sowie dem Rheinhauptstrom und seiner Altarme. Diese Gewässer spielen als Stechmückenbrutstätten jedoch keinerlei Rolle und werden daher bei der Bekämpfung grundsätzlich ausgespart. Stark mit Pflanzenwuchs (z.B. durch Wasserlinsen oder Schwimmblattpflanzen) bedeckte Gewässerabschnitte und schnell fließende Bäche o.ä. werden gemieden. Bezüglich der Nahrungszusammensetzung ist diese Art jedoch Generalist.

 

Wasserfledermaus, Kleinabendsegler und Rauhautfledermaus

Im Rahmen einer Doktorarbeit der Universität Heidelberg wurde über einen Zeitraum von drei Jahren in einem nordbadischen Rheinauegebiet eine Untersuchung durchgeführt, um den möglichen Einfluss der biologischen Stechmückenbekämpfung auf lokale Fledermauspopulationen zu erfassen (ARNOLD 1999). Bis zu dieser Arbeit gab es kaum systematische faunistische Erhebungen zu den dort ansässigen Fledermausarten bzw. deren Häufigkeit und keinerlei Informationen zur Nahrungsökologie der Fledermausarten in den Oberrheinauen. Aufgrund ihrer Körpergröße, die sie als potentielle Prädatoren kleinerer Insekten qualifiziert, und da sie im Bearbeitungsgebiet der Studie am häufigsten vertreten waren, wurden die Wasserfledermaus, der Kleinabendsegler und die Rauhautfledermaus für die nahrungsökologische Studien ausgewählt. Neben anderen Untersuchungsteilen wurden Analysen von Kotpellets durchgeführt, um den relativen Anteil von Stechmücken (Culicidae) innerhalb des Nahrungsspektrums der Fledermäuse zu erfassen.

 

MueckenfledermausDie Ergebnisse zeigen, dass sich Wasser- und Rauhautfledermäuse überwiegend von Gliedertieren kleiner und mittlerer Größe ernähren, insbesondere von Zweiflüglern (Diptera). Obwohl während des gesamten Untersuchungszeitraumes Stechmücken in hohen Dichten in den Auwäldern auftraten, konnte diese Insektengruppe nur in wenigen Fällen sicher in der Nahrung nachgewiesen werden. Dabei wurde auf die Verwechslungsmöglichkeit mit Büschelmücken (Chaoboridae) eingegangen.
Daneben konnte bei der Wasserfledermaus eine saisonale Umstellung des Nahrungsspektrums ermittelt werden. Während sich ihre Nahrung im Frühjahr hauptsächlich aus Zuckmücken (Chironomidae) zusammensetzte, lag der Anteil von Insekten, die nicht dem Wasser entstammen, im Sommer deutlich höher. Das lässt darauf schließen, dass die Wasserfledermaus in dieser Jahreszeit ihre Nahrung vermehrt in terrestrischen Jagdgebieten sucht.
Die ausgeprägten saisonalen Schwankungen in der Nahrungszusammensetzung können bei  der Wasser- und der Rauhautfledermaus als Indiz für ein ausgesprochen opportunistisch geprägtes Verhalten bei der Nahrungsaufnahme gewertet werden. Dabei werden besonders in Schwärmen auftretende Insektengruppen bejagt.

 

Die Auswertung von 306 Kotpellets des Kleinabendseglers, die im Jahr 1996 und 1997 analysiert wurden, zeigte, dass der Schwerpunkt der Nahrung auf Schmetterlingen (1996: 47%, 1997: 27%) lag und darüber hinaus große Anteile von Zuckmücken (bis 25%) und Köcherfliegen (bis 13%) in der Nahrung zu finden waren. Bedeutende Anteile in der Nahrung hatten auch die Käfer und Netzflügler. Überraschend hoch war zeitweise der Anteil sehr kleiner Nahrungsorganismen, wie Blattläuse. Der Anteil der kombinierten Gruppe Stech-/Büschelmücken war mit 0,3 bzw. 0,6% in der Nahrung sehr gering.
Aufgrund der saisonal unterschiedlichen Nahrungszusammensetzung wird für den Kleinabendsegler eine jahreszeitlich verschiedene Jagdstrategie postuliert, wobei der Jagd an Gewässern eine eher geringe Rolle zukommt. Grundsätzlich weist die Nahrungszusammensetzung des Kleinabendseglers Anzeichen für einen hohen Grad von Opportunität auf, wie es auch von SCHORCHT (1998) für diese Fledermausart festgestellt wurde und die besonders auf der Abschöpfung schwärmender Insekten beruht.

 


Mückenfledermaus

Seit den Untersuchungen von ARNOLD (1999) hat sich die Mückenfledermaus als weitere nahrungsbiologisch potentiell relevante Fledermausart in den Rheinauen positioniert. Die Nahrungswahl der Mückenfledermaus wurde von ARNOLD et al. (2003) in einem anderen Lebensraum untersucht. Dabei wurde deutlich, dass die Mückenfledermaus, entsprechend ihrer Körpergröße (sie ist die kleinste einheimische Fledermausart) insbesondere kleine Zweiflügler (Diptera) aus der Gruppe Nematocera (vor allem Zuckmücken) und Brachycera (Fliegen), sowie Hautflügler (Hymenoptera) bevorzugt. Für die Mückenfledermaus wurde daher ebenfalls eine opportunistische Jagdweise, nur beeinflusst durch die Beutetiergröße, postuliert.
In einer Studie von BARTONICKA et al. (2008), die in einem Auwaldgebiet an der Moldau durchgeführt wurde, konnten die Autoren eine präferierte Beutetiergröße von unter 12 mm nachweisen. Reste von Stechmücken wurden von den Autoren in nur rund 4% der 540 untersuchten Kotpellets gefunden. Bei der Diskussion ihrer Ergebnisse betonen sie die große Bedeutung, die Zuckmücken (zusammen mit Gnitzen) im Nahrungsspektrum der untersuchten Mückenfledermaus hatten.

 

 

 

Populationsbiologische Daten

 

Diese theoretischen Überlegungen werden durch im Feld erhobene populationsbiologische Daten unterstützt.  So werden im Auftrag der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) im Rahmen des europäischen FFH-Stichprobenmonitorings im Bereich der nordbadischen Oberrheinebene im dreijährigem Intervall die Populationen (i. d. R. Wochenstubenkolonien) verschiedener Fledermausarten gezählt und dadurch auf ihren Erhaltungszustand geschlossen. Beim bisherigen Stichprobenmonitoring von Bechsteinfledermaus, Kleinem Abendsegler und Mückenfledermaus konnten dabei seit Beginn keinerlei Verschlechterungen festgestellt werden (pers. Mitt. ARNOLD).

 

Ganz besonders ist in diesem Zusammenhang auf die Situation der Mückenfledermaus hinzuweisen. Die Mückenfledermaus war zu Beginn der Untersuchung von ARNOLD (1999) noch nicht als eigene Art beschrieben und wurde damals als Zwergfledermaus erfasst. Der Autor wies jedoch bereits auf die Möglichkeit hin, dass es sich bei den von ihm untersuchten Tieren, u.a. aufgrund von morphologischen Unterschieden, um eine kryptische Pipistrellus-Art handel könnte. Intensivere Untersuchungen in den nordbadischen Rheinauen zeigten dann, dass es sich bei den vermeintlichen Zwergfledermäusen tatsächlich um die neu beschriebene Mückenfledermaus handelte (HÄUSSLER et al. 2000).


In einer Zusammenschau der im Rahmen der ehrenamtlichen Tätigkeit im Fledermausschutz vorgenommenen Erhebungen zu Fledermäusen in Kastengebieten der nordbadischen Rheinauen konnten ARNOLD et al. (im Druck) zeigen, dass sich die Belegungsquote mit Mückenfledermäusen seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1993 bis heute vervielfacht hatte. Dieser Trend geht einher mit einem tatsächlichen Anwachsen der Population dieser Fledermausart und der damit verbundenen Bildung immer weiterer Wochenstubenkolonien in der Region.
Es ist zu betonen, dass die beobachtete Populationszunahme im Kerngebiet der KABS stattfand, wo die biologische Stechmückenbekämpfung seit 1976 regelmäßig durchgeführt wird. Darüber hinaus liegen die bekannten Wochenstubenquartiere auch in unmittelbarer räumlicher Nähe zu den Bekämpfungsflächen.


Bei einer synchronen Zählung an fünf Wochenstuben auf rheinland-pfälzischer und baden-württembergischer Seite im Jahr 2015 konnten in Zusammenarbeit mit Fledermausexperten des AK Fledermausschutz Rheinland-Pfalz auf einem etwa 4 km langen Rheinabschnitt rund 2.000 ausfliegende Weibchen (ohne Jungtiere) beobachtet werden. Es ist davon auszugehen, dass sich noch eine entsprechende Zahl männlicher Tiere in diesem Gebiet aufhält. In der Region können sich also, trotz Stechmückenbekämpfung, 4.000 bis 5.000 Tiere dieser Fledermausart ernähren und es ist davon auszugehen, dass deren lokale Population weiter zunimmt.

 

 

 

Fazit

 

Aufgrund der Ergebnisse der oben vorgestellten nahrungsökologischen Untersuchungen ist für die Nahrungsgeneralisten unter den Fledermäusen von keiner indirekten Einflussnahme durch die biologische Stechmückenbekämpfung auszugehen. Die Doktorarbeit (ARNOLD 1999) hat gezeigt, dass die Fledermauspopulationen im Untersuchungsgebiet durch eine Stechmückenbekämpfung mit Präparaten auf Basis von Bacillus thuringiensis israelensis nicht beeinträchtigt werden. Teile der Doktorarbeit wie z.B. die Ergebnisse zur Ökologie und Nahrung der Wasser- und Rauhautfledermaus sind separat in wissenschaftlichen Artikeln veröffentlicht worden (ARNOLD et al. 2000).

Auch in Hinblick auf die Populationsökologischen Daten können keine Anzeichen dafür gefunden werden, dass die biologische Stechmückenbekämpfung die lokalen Fledermauspopulationen negativ beeinflussen würde.

 

 

Zitierte Literatur

 

ARNOLD, A. (1999): Zeit-Raumnutzungsverhalten und Nahrungsökologie rheinauenbewohnender Fledermausarten (Mammalia: Chiroptera). - Dissertation Universität Heidelberg; 303 pp. (Zusammenfassung)

 

ARNOLD, A., BRAUN, M., BECKER, N. & STORCH, V. (2000): Zur Nahrungsökologie von Wasser- und Rauhhautfledermaus in den nordbadischen Rheinauen. - Carolinea 58: 257-263; Karlsruhe.

 

ARNOLD, A., HÄUSSLER, U. & BRAUN, M. (2003): Zur Nahrungswahl von Zwerg- und Mückenfledermaus (Pipistrellus pipistrellus und P. pygmaeus) im Heidelberger Stadtwald. - Carolinea 61: 177-183; Karlsruhe.

 

ARNOLD, A., TSCHUCH, H.-G. & BRAUN, M. (im Druck): Veränderungen im Auftreten von Rauhaut- und Mückenfledermaus in den nordbadischen Rheinauen und ihre möglichen Ursachen. - Nyctalus (N.F.)

 

BARTONIČKA, T., ŘEHÁK, Z. & ANDREAS, M. (2008): Diet composition and foraging activity of Pipistrellus pygmaeus in a floodplain forest. - Biologia 63/2: 1-7.

 

BRAUN, M. & DIETERLEN, F. (Hrsg.) (2003): Die Säugetiere Baden-Württembergs. Band 1, Allgemeiner Teil, Fledermäuse (Chiroptera); Ulmer-Verlag, 687 pp.

 

HÄUSSLER, U., NAGEL, A., BRAUN, M. & ARNOLD. A. (2000): External characters discriminating sibling species of European pipistrelles, Pipistrellus pipistrellus (Schreber, 1774) and P. pygmaeus (Leach, 1825). - Myotis 37: 27-40; Bonn.

 

SCHORCHT, W. (1998): Demökologische Untersuchungen am Kleinen Abendsegler Nyctalus leisleri (KUHL 1817) in Südthüringen. – Diplomarbeit Universität Halle/Saale; 101 pp.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 

KABS e.V.  -  Biologische Stechmückenbekämpfung am Oberrhein